Amazonsupply.com kommt nicht

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Heute ist passiert, was keiner der Experten, mich eingeschlossen, auf dem Plan hatte: Amazon beendet sein Angebot im B2B-eCommerce unter amazonsupply.com. Nach über zwei Jahren Betaphase des Angebots mit über zwei Millionen Artikeln im Sortiment ist ab heute Schluss.

All die beschriebenen Effekte, die ein direkter Eintritt des unangefochtenen Branchenprimus Amazon in den B2B-Handel gehabt hätte, werden Spekulation bleiben. Der drohende Untergang des technischen Großhandels und der Anbieter von Betriebsbedarf ist noch mal verschoben. Oder?

Nein, wahrscheinlich nicht. Aber Amazon überrascht mit einer neuen Aufstellung der Initiative im B2B-Handel und einem neuen Namen: Amazon Business (http://www.amazon.com/business).
Hier liefert der Internetriese das Ergebnis von all dem, was Amazon ab 2012 in Sachen B2B-eCommerce gelernt hat. Nicht weniger als 50% aller US-Unternehmen sollen nach unbestätigten Zahlen über amazonsupply.com bestellt haben. Nicht schlecht für einen Test. Und eine gesunde Basis, für einen umfassenden Erkenntnisgewinn.

Was ist anders?

In erster Linie hat Amazon den aus dem Privatkundenbereich bekannten Marktplatz, der aktuell vielen Herstellern zur Falle wird, konsequent übernommen. Nicht mehr Amazon selbst steht als Handelspartner im Vordergrund, sondern Hersteller mit Produkten, die den B2B-Bedarf decken.
Und hier greift die zweite Seite des Modells: Optimale Ausrichtung auf die Zielgruppe – den Einkauf der Kundenunternehmen.
Amazon fährt hier gleich eine ganze Batterie von Funktionen auf, die für den B2C-Markt völlig uninteressant, für die betrieblich Beschaffung aber fast schon Luxus sind:

  • direkter Vergleich von Angeboten unterschiedlicher Anbieter auf der Produktseite, inkl. der Lieferantenbewertung
  • Anlage von mehreren Nutzern pro Unternehmen, mit der Möglichkeit, geplante Bestellungen zunächst intern frei zu geben
  • Einrichtung von Budgets / Orderlimits für einzelne Mitarbeiter
  • Direkter Zugriff mittels Einkaufssystem (Procurement) über sog. Punchout-Prozesse

Amazon strebt damit die gleiche Kundenorientierung an, die Einkäufer aus dem privaten Einkaufsverhalten gelernt haben. Und um das zu erreichen, erleichtert man jetzt nicht nur den Weihnachtseinkauf, sondern auf die berufliche Beschaffungsaufgabe. Der Einkäufer kann sein Unternehmen registrieren, einzelne Mitarbeiter für den Einkauf bei Amazon frei schalten, ohne jedoch die Kontrolle über die unterschiedlichen Käufe zu verlieren. Entweder müssen diese zunächst frei gegeben werden, oder aber dem Kollegen steht nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung.
Alle Maßnahmen zielen darauf ab, die Einkaufsabteilung zu entlasten. Ob C-Teile oder Betriebsbedarf, über eine zentrale Plattform – also auch nur einen Lieferanten, können Unmengen von Bestellungen schnell, transparent und extrem komfortabel abgewickelt werden. Ohne das die Gefahr besteht, die Kontrolle zu verlieren oder mühsam etablierte Prozesse im Procurement wieder über Board werfen zu müssen.

Hersteller werden sich dem Sog aus extrem hoher Reichweite und dem daraus resultierenden Umsatz kaum entziehen können. Im B2C-Geschäft haben nicht wenige Anbieter bitter zu spüren bekommen, wie hoch der Preis dieser Abhängigkeit zu Amazon sein kann. Denn neben den zu erwartenden Provisionen zwischen 6-15% der Umsätze, die als Vertriebsprovision fällig werden, zieht Amazon auch mehr und mehr Erlöse aus Modellen, die aus dem Wettberwerb der Anbieter auf der Plattform möglich werden.

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So werden Spitzenpositionen in Suchergebnissen oder die Einblendung eigener Angebote als Empfehlung direkt am Produkt des Mitbewerbers zum wertvollen Gut im Kampf um die Wahrnehmung durch den Kunden. Und mit diesem Gut wird gehandelt.

Fazit

Amazon hat in der Betaphase mit Geschäftskunden viel gelernt. Und dieses Wissen jetzt mit all dem zusammen gebracht, was man aus der führenden Position B2C-Markt bereits wusste.
Und legt so mit der Unterstützung von Einkäufern, sowohl prozess- als auch systemseitig, die Messlatte für B2B-eCommerce deutlich höher. Und definiert damit erstmals einen Standard für den eCommerce zwischen Unternehmen.
Damit wird die Chance, zukünftig ohne eigenes Onlineangebot parat zu kommen, immer geringer.

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About Author

Peer Schmid

Peer Schmid, Principal B2B Commerce bei der adorsys GmbH & Co.KG in Nürnberg. Seit 1998 im http://www.b2b-commerce.solutions/ und der digitalen Produktkommunikation. Weitere Profile im Netz: https://www.xing.com/profile/Peer_Schmid http://www.b2b-commerce.solutions/ https://www.xing.com/profile/Peer_Schmid

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