Buchtipp: Agiles Publishing

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Agiles Publishing

Bild: Agile Publishing-Titel

Bild: Agile Publishing-Titel

Wir sind als Redaktion immer auf der Suche nach Publikationen, die sich mit Methoden, Prozessen, Organisation, Strategien oder Technologien befassen.
“Agiles Publishing” ist aus dieser Sicht ein Volltreffer, denn die Autoren nehmen sich einfach alle Felder vor.

Neben dem weiten Spektrum der Inhalte ist auch die Entstehung besonders: Das Buch ist ein Kickstarter-Projekt, also finanziert von Einzelpersonen, die mit Teilbeträgen die Finanzierung ermöglicht haben. Die drei Autoren haben dann unter Anwendung der vorgestellten agilen Methoden von unterschiedlichen Standorten aus zusammen gearbeitet, um dieses Buch zu realisieren. Unterteilt ist das ca. 400 Seiten starke Werk in drei Haupteile: Organisation, Kreation und Technologie.

Organisation

Wirklich spannend fanden wir den ersten Teil. Hier befassen sich die Autoren mit den Anforderungen von agilen Methoden im betrieblichen Einsatz, beginnend mit den Mitarbeitern, den Prozessen, den notwendigen Formen der Arbeit, bis hin zu einer Betrachtung der Realität von agilen Projekten.
Neben der Theorie, die auch Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die Räumlichkeiten, in denen die Arbeit geleistet werden soll mit einbezieht, machen die Autoren die Umsetzung mit Beispielen deutlich. Also z.B. wie sieht die Umsetzung einer Website für einen Kunden aus, der neben dem Onlineauftritt auch mehrere Print-Publikationen im Jahr einsetzt. Guter Ansatz der Autoren, der noch besser geworden wäre, wenn die Beispiele nicht nur praxisnah, sondern auch von Betrieben beigesteuert wären, die die Umstellung im Sinne der agilen Arbeitsweise schon hinter sich haben – vielleicht eine Option für eine zweite Auflage.
Ein Kerngedanke, der sich auch durch die weiteren Kapitel zieht, ist die Notwendigkeit, das Silodenken der beiden Fraktionen Print und Non-Print zu durchbrechen. Diese schlägt sich nicht selten in innerbetrieblichem Konkurrenzkampf und im schlimmsten Fall in spürbar schlechten Ergebnissen nieder.
Neben dem “wie”, also wie sollte sich ein Team organisieren, bleibt auf den 150 Seiten des Kapitels auch das “warum” nicht auf der Strecke. Die Veränderungen der Publishinglandschaft, die Vielzahl der Kanäle und die Notwendigkeit, diese im Sinne des Kunden zu bestücken.
Geeignet sind die Ausführungen für alle Teammitglieder. Von den operativen Mitarbeitern über die Leitung der Teams oder des Unternehmens – allerdings eher als Anstoß und für den Beginn einer Veränderung. Wer die komplette Unterstützung eines Change-Mangement-Prozesses erwartet, sollte diesen Anspruch dämpfen. Auch wenn in anderen Rezensionen die enthaltenen Workshops positiv hervorgehoben werden, ist dies einfach zu viel verlangt. Es handelt sich bei den Workshops um durchaus sinnvolle Anschlussfragen an die Themenblöcke, die geeignet sind, um die vorgestellten Inhalte auf die eigenen Projekte zu übertragen. Die gesamte Tragweite der notwendigen Veränderungen innerhalb eines Unternehmens bei der Umstellung auf agile Methoden damit zu realisieren, dürfte schwer werden. Aber wer es damit schafft, die Knackpunkte erst einmal zu identifizieren, wird es sehr viel leichter haben, sich an anderen Stellen die notwendige Hilfe zu beschaffen.

Kreation

So, da steht nun das neue, agile Team mit einer konkreten Vorstellung zur Publishing-Strategie und der Idee, wie diese auch crossmedial funktioniert. Aber was fängt man jetzt mit dem Wissen und den Methoden an? Man erzählt eine Geschichte. “Storytelling” ist das Thema des zweiten Teils des Buchs.
Nicht wundern, der Ausflug in kreative Umsetzung, Design und User-Experience der nun folgt, ist nicht willkürlich, sondern führt wieder zurück zum agilen Ansatz, dem roten Faden des Buchs. Welche Einflüsse technologische Konzepte wie Responsive-Design oder Liquid-Layouts auf die Gestaltung haben und was Designer aus der Interaktion ziehen können, die einige Kanäle erlauben, wird in Grundzügen beschrieben. Die Vertiefung kann ein Buch allein nicht leisten, und so ist es konsequent, die Ansätze im Kontext des Titels ein zu ordnen und über Quellen und Denkanstöße zu erweitern, in Linksammlungen zusammengefasst werden. Beispiel Storytelling:

http://bit.ly/14Raq3K

Die Linksammlungen und Buchempfehlungen ermöglichen den Autoren, dieses Kapitel schlank genug zu halten, um die Grundlagen für alle Leser zu vermitteln. Die Tiefe, die allein aber ein komplettes Buch mühelos hätte füllen können, trotzdem zugänglich zu machen.

Technologie

Analog zum Vorgehen bei der Kreation arbeiten sich die Autoren durch die Technologiethemen. Neben den Links finden sich hier zusätzlich Interviews mit Experten, die die graue Theorie lebendiger machen.
Der Bogen wird in diesem Kapitel aber grenzwertig weit gespannt: Von konkreten Bereichen wie Dateiformaten und deren Möglichkeiten bis hin zu Grundlagen der Programmierung.
Es ist aber auch schlicht nicht einfach, Kalkulationsbeispiele für automatisiertes Publishing mit der Theorie und Bedeutung von Recomendation-Engines in ein Kapitel zu packen, ohne den Faden zu verlieren. Aber dieser Spagat spiegelt nur die Realität wieder, in der sich das Publishing heute befindet. Insofern sollte man die Auswahl und Bandbreite der Themen in diesem Kapitel nicht als vollständig oder gar absolut ansehen. Das hätte auch mit 1.000 Seiten mehr nicht funktioniert.

Fazit

Dieses Buch hat einen hohen Anspruch: Einer Branche wieder auf die Höhe der Zeit zu verhelfen und Strategien an die Hand zu geben, um mit einer dramatisch veränderten Umgebung parat zu kommen.
Und wenn wir ehrlich sind, haben viele Betriebe der Publishing-Industrie sich nach der letzten Revolution in Form des Desktop-Publishing, kurz DTP, anderen Veränderungen zwar vielleicht nicht konsequent verschlossen, aber doch deren Bedeutung und Tragweite für das eigene Geschäft unterschätzt. Die “neuen Medien” haben eben eine Dynamik, die auch Print nicht ignorieren kann.
Insofern haben sich die drei Autoren mit Sicherheit nicht zu wenige Punkte auf die Agenda gepackt. Und in Summe geht der Gedanke auch auf. Der Leser muss sich aber auf die Idee einlassen, hier “nur” den roten Faden geliefert zu bekommen: Grundzüge, Gedanken, Ansätze und ganz wichtig, die Verweise in andere Titel und das Web, um an den für den jeweiligen Leser, oder ein neues Projekt, wichtigen Stellen die notwendige Tiefe zu bieten.
Insofern, alles richtig gemacht und ein Ergebnis erreicht, dem wir Respekt zollen möchten.
Und doch freuen wir uns auf die zweite, überarbeitete Ausgabe. Mit mehr Interviews, mehr “Best-Prcatice”. Und der klaren Entscheidung, ob der Titel Lehrmaterial für Aus- und Weiterbildung sein möchte oder den Fokus auf Strategie und Change-Management legen möchte.
Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn in Anbetracht der Aufgabe und des Anspruchs liefern die Autoren ein sehr lesenswertes Werk, bei dem der Nutzen für den Leser trotz kleiner Abstriche absolut greifbar ist.

Die Website zum Buch mit Autorenprofilen, Blog und Terminen finden Sie hier: http://www.agile-publishing.de/

Hier können Sie das 408-Seiten starke Buch bei amazon.de kaufen.

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